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2016/11/17

London City im Schnelldurchlauf genießen (27. Juli 2016)

London im Schnelldurchlauf genießen. Geht das? Wir wollten uns 8 Stunden Zeit nehmen, um einen Eindruck von London zu gewinnen. Viel zu wenig für eine Millionenstadt. Genießen konnten wir die Stadt kaum. Gegen 7 Uhr morgens kamen wir mit dem Zug aus Weybridge an der Waterloo Station an, wo so langsam das geschäftige Treiben begann. Wir wollten unsere knappe Zeit nicht in Warteschlangen, U-Bahn-Tunnel oder Museen verbringen, sondern einfach ein bisschen zu Fuß die wichtigsten Sehenswürdigkeiten ablaufen. Am London Eye regnete es so sehr, dass wir uns doch nicht mehr über die Brücke zum Big Ben wagten, später machten wir einen Bogen über die Downing Street und landeten dann eben doch direkt davor. Unsere Füße machten also schon am frühen Morgen einiges mit. Trafalgar Square, St. Paul Cathedrale, Tate Modern, Borough Market und der Blick von der City Hall zur Tower Bridge. All das bewältigten wir in den 8 Stunden zu Fuß. Meine Begleitung konnte ich nicht ganz von London überzeugen - aber doch wollen wir erneut hin, und uns dann mehr auf die Stadtteile außerhalb des Zentrums konzentrieren. Denn das Zentrum ist uns einfach nur zu sehr zu gebaut, laut und überlaufen. Wie ich dennoch von "Genuss" reden kann: Nun, ich hatte so ein paar kulinarische Köstlichkeiten auf unserer Route eingeplant und komme deshalb dennoch zu dem Fazit: London ist immer eine Reise wert.


Unsere "London City im Schnelldurchlauf genießen" Top Ten:

1. Press Coffee
Ich trinke selten Kaffee, aber sehr gern genieße ich einen guten Kaffee in einer Rösterei. Nach dem ersten Schluck, wandert oft noch ein Schuss Zucker in die Tasse. Nicht so in der Fleet Street Press: Der Cappuccino war so rundum perfekt, dass keine weiteren Zusätze nötig waren. Wenn ihr wirklich qualitativ hochwertigen Kaffee haben wollt, vergesst bitte Starbucks, und sucht eine Press Coffee Location in eurer Nähe. Knapp 8 Pfund für Capuccino, Milchkaffee und Pastel de Nata. 

2. Brunel Sandwich
2013 hatten wir diesen Laden zufällig entdeckt und ich war damals schon so begeistert - sensationell lecker. Die Sandwiches werden frisch und auf Wunsch individuell zubereitet - ja das machen die bei Subway auch, und so kann ich nur inständig hoffen, dass dieser traditionelle Laden weiterhin gegen die überall aus dem Boden sprießenden Franchise-Unternehmen überlebt. 6,50 Pfund für 1 unfassbar leckeres Thunfisch Sandwich und 1 Ciabatta (211 Strand, WC2R 1AP).

3. Konditor & Cooks
Das war an diesem Tag unser erster Stopp. Es ist schon witzig, wenn man nach 3 Jahren durch die Millionenstadt läuft, intuitiv genau weiß, wo man lang muss, um diesen kleinen Laden zu finden und dann davor steht... wie im Märchen. Wir gaben uns am frühen Morgen mit warmen Croissant zufrieden, obwohl so viel weitere Köstlichkeiten zur Auswahl standen (22 Cornwall Rd, SE1 8TW).

4. Borough Market
Montags sind auf dem Borough Market nicht alle Stände geöffnet - jedoch genug, um mir die Qual der Wahl zu lassen. Spezialitäten aus aller Welt kann man hier probieren. Wir entschieden uns für Khanom Prok, Mini Pancakes aus Kokosmilch, sowie einen frisch gepressten Saft.

5. Tate Modern 
Wir sind nun nicht so Kunst interessiert und landeten eigentlich eher zufällig im Tate Modern als wir von der St. Pauls Cathedrale auf die andere Seite der Themse liefen. Soweit ich weiß ist der Eintritt in das Tate Modern kostenlos - Spende wird erbeten - und nach dem wir mit dem Fahrstuhl in das oberste Stockwerk fuhren - genossen wir eine gute, weitreichende Aussicht über London.

6. Ping Pong 
Ins Ping Pong wurden wir 2013 von Kolleginnen meiner Mama eingeladen. Ich schwärme noch heute von dem Super 8 Lunch. Nahe der Waterloo Station gibt es auch eine Filiale und so holten wir uns das Super 8 Lunch und noch ein Gericht zum Mitnehmen - beides für nur 14 Pfund. 

7. Temple Garden
Und wieder setzten wir uns in die Temple Gardens, um unser Brunel Sandwich zu genießen. Sicherlich nicht der bekannteste Park der Stadt. Doch ich war wieder fasziniert von diesem Flair: Der  Anzugträger, der vor der Arbeit noch mit seinem Hund spielt. Die Bauarbeiter, die daneben auf der Bank ihre Frühstückspause machen. Und eben wir als Touristen getarnt. Hihi.

8. Lunch Concerts
Zufällig hatte ich mitbekommen, dass es unter der Woche oft kostenfreie Lunch Concerts gibt (um Spende wird gebeten). Unter anderem um 13 Uhr in der Kirche St Martin-in-the-Fields am Trafalger Square. Da wir zu dieser Zeit noch auf dem Weg zur Tower Bridge waren, klappte das diesmal leider nicht. Aber auch auf dem Borough Market gab es schöne und moderne Live-Musik.

9. Twinings 
An diesem kleinen Laden laufe ich jedes Mal vorbei, daher unbedingt auf die Hausnummer schauen (216 Strand), dann merkt ihr schneller, dass ihr die kleine Eingangstür übersehen habt. Im hinteren Bereich - dem Tea room - darf man die verschiedenen Teesorten probieren. Leider war gerade eine gebuchte Gruppenverkostung, sodass wir an diesem Tag nicht in den Genuss kamen. 

10. Stressfreie Anreise
Wer mit dem Auto in England unterwegs ist und wie wir nur einen Kurzaufenthalt in London plant, dem sei empfohlen, das Auto außerhalb zu parken. Wir entschieden uns für Weybridge, weil es auf unserer Strecke nach Frome lag. In etwa einer halben Stunde erreichten wir mit dem South West Train den Bahnhof Waterloo Station. Das Tagesticket für das Parken kostete 6 Pfund. Für das Bahnticket zahlten wir für 2 Personen hin und zurück insgesamt 31 Pfund.

Und wer noch mehr Zeit in England verbringen möchte, vielleicht zufällig in Frome vorbeikommt, dem sei ein Kaffee im River House ans Herz gelegt, und jeden 1. Sonntag im Monat findet das Frome Independent Festival statt, mit Flohmarkt, zig leckeren Essensständen und Musik.

Hier findet ihr Reiseberichte von Südengland 2014 sowie meiner 3-tägigen Städtereise 2013:



2016/11/13

byebye - K4 Zentralcafé Nürnberg (10.11.2016)

Keine Band habe ich in den letzten 3 Jahren schon so oft live gesehen wie byebye. Und doch habe ich das Akustik-Duo aus Leipzig diese Woche das erste Mal mit Band erlebt, mit der sie sich selbst für das neue Album belohnten. Doch war es auch eine Belohnung für die Fans?!

Nun ja, was soll ich sagen. Ich mag byebye sehr. Ihre Musik geht ins Ohr, mit den Texten kann ich mich oft identifizieren. Auf den vergangenen Konzerten waren es vor allem Olli's Sprüche, die einen Abend mit byebye so besonders machten - egal wie oft man sie schon gesehen hatte.

Ob es nun an Olli's Halsschmerzen lag, die er mit Ingwertee zu bekämpfen versuchte. Ob die Luft auf der bereits fortgeschrittenen Tour in Nürnberg einfach raus war. Oder - meine Vermutung - ob es an der Band lag: Dieses Konzert erfüllte meine Erwartungen an einen rundum unterhaltsamen Abend mit byebye - so hart es klingt - leider nicht.

Während Olli noch eher spaßig meinte, dass der Schlagzeuger gelangweilt aussehe, fehlte mir später auch beim Keyboarder die Emotion. Gut jeder hat mal einen schlechten Tag. Aber bei einem Duo, dass sich - neben durchaus ernsthaften Texten - selber eben gern mal auf die Schippe nimmt, passte das einfach nicht ins Bild. Vielleicht spielten Keyboarder und Schlagzeuger aber auch "Wer zuerst lacht" während Olli vor ihnen herum hampelte, pardon tanzte.

Die Drei-Mann-Band hinter Olli und Tim wirkte nicht so als hätte sie große Lust nichtstuend mehr als ein paar Pferdewitze zwischen den Songs zu ertragen. Gut, der Bassist brachte auch mal einen flachen Witz ein und der Schlagzeuger deutete auch durchaus Humor in Interaktion mit Olli und Tim an. Aber es fehlte einfach etwas von dem Charme, den die Beiden sonst zu Zweit versprühen.

Nun aber zur Musik. Bei einem Lied sehnte ich mich danach, die Band auszublenden und nur die 2 Akustikgitarren vom Gesang begleitet zu hören. Weniger ist manchmal mehr. Als hätten sie meine Gedanken erraten, verließ die Band nach diesem Lied die Bühne. Olli zitierte eine Publikumsstimme der vergangenen Tourkonzerte, die mir aus der Seele sprach:"Die Band ist schon cool, aber..." Zu Zweit harmonieren sie einfach besser und es fällt mir leichter mich auf die Texte einzulassen.

Es wäre aber gelogen zu sagen, die Band wäre völlig fehl am Platze gewesen. Bei "Eine dir unbekannte Band" zum Beispiel passte der zusätzliche Groove nahezu perfekt. Und bei der letzten Zugabe "Unklar" - bei der das Nürnberger Publikum sich übrigens als verblüffend textsicher erwies - setzte die Band erst zum Ende ein. Da machte es unheimlich Spaß als das Schlagzeug zum Einsatz kam und eine neue Dynamik mitten im sowieso schon genialen Song entstand.

Zwar wurde eines meiner Lieblingslieder "Du weißt wieso" aus dem vorherigen und gleichnamigen Album nicht gespielt, dafür das inzwischen viel besser zu meiner Lebenssituation passende "Kleine Füße". Durch Tims herzerwärmender Stimme mein absoluter Höhepunkt dieses Konzert. Zumal mein Sohn noch bis zum ersten Lied mit im Zentralcafe rumsprang ehe er mit dem Papa heim fuhr.

Mit meiner Kritik an der Band möchte ich das Konzert übrigens nicht schlecht reden sondern viel mehr hervorheben, dass Tim und Olli als Duo einfach unschlagbar sind und sich nach der Tour meiner Meinung wieder mehr auf die Zweisamkeit konzentrieren sollten. Natürlich ist es nicht einfach alle Zielgruppen zufrieden zu stellen, so gab es auf den vergangenen Konzerten wiederum auch Leute im Publikum, die mehr Musik als Geschichten zwischendurch hören wollten.

Für mich waren die Interaktion von Olli mit dem Publikum, wahlweise dem Barkeeper - oder gelegentlich mit Tim - aber genau das, was jedes ihrer Konzerte für mich einzigartig machte. Und die paar Lieder, die byebye zu Zweit auf der Bühne präsentierten, überzeugten mich, dass diese Art von Musik auch ohne Band bestens funktioniert - meiner Meinung nach eben sogar besser.

Nürnberg Pop Akustik Stage - Goldvinyl (29.10.2016)

In diesem Jahr hatte ich ernsthaft überlegt, das Nürnberg Pop zu besuchen, um Von Wegen Lisbeth und Sarah and Julian live zu sehen. Als der Timetable rauskam, musste ich leider feststellen, dass ich mich wohl für eines der beiden Konzerte hätte entscheiden müssen und auch weitere Künstler wie Nick and June und Oh lonesome me vielleicht nicht hätte erleben können, wenn ich noch vor einem eventuellen Einlassstop in den Festsaal oder die Klarakirche hätte kommen wollen. Ob es tatsächlich Engpässe gab, weiß ich nicht, 2013 hatten wir aber genau diese Erfahrung gemacht.

Umso begeisterter war ich als ich las, dass es am Nachmittag kostenlose Akustiksessions geben würde. Nachdem Dirk von Flockes Plattenkiste ein paar Tage zuvor Linda Rum in der Feinkostlampe Hannover für gut befunden hatte, entschied ich mich ab 15 Uhr für den Akustikstage im Goldvinyl Plattenladen (Klaragasse 24). Die Konzerte fanden auf der Dachterasse statt und mit maximal 20 bis 30 Leuten im Publikum war es sehr persönlich und gemütlich. Vor jedem Konzert führte Andreas Basner, der die Konzerte im Rahmen der Lokalen Leidenschaften von Radio Z präsentierte, ein Live-Interview auf Facebook mit den Künstern. Hinterher lud er das Publikum zu einer kleinen Zaubershow ein, bei der es Schallplatten und CDs zu gewinnen gab.

Die frische Wahl-Hamburgerin Linda Rum freute sich wieder in ihrer Heimat Nürnberg spielen zu dürfen. Sie wirkte sympathisch, noch etwas unsicher, aber trotzdem dem Publikum zugewandt. Ihre Musik gefiel mir. Sie mit ihrer Akustik-Gitarre, begleitet von Rabea - aus Hannover, yeah - am Cello. Eingängige Melodien, die einen mitwippen lassen und gute Laune verbreiten. Ihre Stimme konnte mich persönlich nicht so überzeugen. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir das "Seefahrerlied",

Umso mehr beeindruckte mich David Pereira mit seiner Stimme. Leider ist es wohl eine Ausnahme, ihn auf einem Konzert mit Akustik-Gitarre spielen zu sehen. Denn normalerweise nimmt er seine Gitarre nur, wenn er die Lieder schreibt. Anschließend produziert er die Lieder aus und so war er am Festivalabend im Hannemann mit einem DJ-Set zu hören. Interessiert hätte es mich schon, wie er dann klingt, aber ich vermute, dass mir seine Musik in der ursprünglichen Form besser gefällt. Unser Sohn nahm die Texte übrigens immer sehr wörtlich, indem er sich bei "Schlaflos" auf den Boden legte und bei "Schwerlos" fallen ließ. David Pereira wusste ihn auch einzubinden und widmete ein Lied "dem Herren mit dem einen Handschuh".

Zum Schluss kamen Sarah and Julian auf die nun schon in der untergehenden Abendsonne recht kühle Dachterasse. Man merkte den Beiden an, das sie schon länger im Musikgeschäft sind, als z. B. Linda Rum. Ich weiß nicht, ob mir das gefiel, denn sie wirkten etwas angespannt und auf mich als würden sie sich in der doch etwas unprofessionellen Umgebung nicht ganz wohl fühlen. Ihre Musik wusste mich trotzdem zu überzeugen, auch wenn ich denke, dass die beiden so gut aufeinander abgestimmten Stimmen in der Klarakirche besser zur Geltung gekommen wären.

Insgesamt war es ein gelungener und abwechslungsreicher Nachmittag und weit weniger stressig als mit straffem Zeitplan auf dem Festival von A nach B zu laufen. Ich würde es sehr begrüßen, wenn die Organisatoren diese kleinen Akustiksessions auch im nächsten Jahr einplanen.

2016/10/28

Alin Coen Band - Heimathafen Neukölln (26.09.2016)

Alin Coen gehört zu einer der Künstlerinnen von der ich bisher kein Album im Regal stehen habe und doch jedes Mal aufhorche, wenn ich ihre unverwechselbare Stimme höre. In den letzten Jahren wuchs mein Wunsch immer mehr, ein Konzert von ihr zu besuchen - nachdem ich sie auf der Seerosenteich Tour von Philipp Poisel zumindest schon einmal kurz live in der UdK Berlin erlebt hatte. Es sollte sich so fügen, dass unsere Urlaubsroute uns über die Hauptstadt führte und ich ein Ticket für das Zusatzkonzert im Heimathafen Neukölln ergatterte. Und ja, was soll sich sagen: Konzerte in der Hauptstadt waren bisher immer etwas Besonderes.

Als ich den Heimathafen Neukölln kurz vor neun erreichte, war ich zunächst über die lange Menschenschlange überrascht. Bald stellte sich heraus, dass es Probleme mit den Online-Tickets gab und der Einlass deshalb etwas länger dauerte. Somit begann das Konzert erst kurz nach neun mit Marcel Brell als Vorband. Selten war ich so enttäuscht. Es ist schwer zu beschreiben, denn eigentlich mag ich seine Musik. Aber an diesem Abend, als er allein an Klavier saß und mit Akustikgitarre da stand, konnten mich seine neuen Texte überhaupt nicht berühren oder mitreissen. Er wirkte auf mich nicht authentisch, als wolle er zwanghaft witzig rüberkommen. Zu seiner Verteidigung sei erwähnt, dass es der erste Abend war, an dem er Alin auf ihrer Tour begleitete. Vielleicht war er tatsächlich noch etwas nervös, wie seine neuen Songs ankommen würden. In seinem neuen Video "So sein wie du" (mit der großartigen Phela) klingt er wieder ganz gut, auch wenn ich mit dem Text weiterhin nicht viel anfangen kann. Aber hey, natürlich ließ er es sich nicht nehmen, den gemeinsamen Song "Wo die Liebe hinfällt" zusammen mit Alin Coen darzuieten.

Um 22 Uhr kam dann die Alin Coen Band auf die Bühne. Eine Uhrzeit zu der ich sonst eigentlich schon im Schlummermodus bin. Na gut, Berlin eben. Vermutlich hätte ich ihre Musik mehr genießen können, wenn das Konzert bestuhlt gewesen wäre. Einfach die Augen schließen und alles um sich herum vergessen. Zwar ist die Musik durchaus tanzschunkelbar, aber für mich ist es einfach diese Stimme, die ich so beeindruckend finde, dass ich mich gern mehr darauf konzentriert hätte statt auf die stickige Luft eines Stehkonzert. - Oh je, merkt man mir etwa an, dass ich als Mama seltener auf Konzerte gehe und meine Ansprüche sich verändert haben?! - Alin Coen wirkt auf mich sehr professionell, als würde sie sich keinen Fehler erlauben wollen. Umso erstaunter war ich als sie sich doch an einer Stelle irgendwie mit dem Instrument verhedderte. Ja, man sah ihr an, dass ihr das nicht passte, und sie es richtig machen wollte. Dennoch lachte sie kopfschüttelnd, versuchte weiterzumachen, zeigte sich dankbar, als ihr Bandkollege ihr etwas Zeit verschaffte, um sich kurz zu sammeln. Bemerkenswert wie sympathisch sie die Situation gemeinsam als Team lösten.

Warum Konzerte in der Hauptstadt immer ein kleines Highlight sind?! Richtig, wegen der Gastmusiker. Diesmal war es Tex von TV Noir, den Alin auf die Bühne bat. Gemeinsam spielten sie zwei Lieder, darunter einer meiner Favouriten: "Hallo Julia". Oh ja, dafür hatte sich die Reise schon wieder gelohnt. Von diesem Moment an konnte ich mich noch besser auf das Konzert einlassen. Schon bald war es Zeit für die Zugaben - von denen es insgesamt fünf gab. Unfassbar wie laut das Berliner Publikum mit den Füßen stampfen kann. Textsicher waren sie auch. Und das kurz vor Mitternacht. Insgesamt ein absolut lohnenswertes Konzert. Sie macht wirklich schöne Musik, ich kann gar nicht so genau sagen, welches Lied mir am besten gefällt. Es ist ihre Stimme - die mal zart, mal sehr bestimmend daher kommt. Es ist ihre Professionalität, mit der sie verschiedene Instrumente bedient und zeitgleich mit ihrer Band in Kontakt steht. Es ist ihre Ausstrahlung, die keinen Zweifel daran lässt, dass sie Vollblutmusikerin ist. Sie experimentiert mit Stimme, Sprache, Melodien und lässt dabei - in meinen Ohren - stets kleine Meisterwerke entstehen. Gerne wieder.

"Dieses sind dann wohl die letzten Zeilen,
die ich an dich richte.
Dieses letzte Lied soll bei dir weilen,
bis ich ein Neues dichte."

2016/10/11

Reeperbahn Festival - Hamburg (21. - 24.09.2016)

Auch in diesem Jahr setzten wir unsere Tradition fort: Mit unseren Freunden, u.a. Dirk von Flockes Plattenkiste, ging es zum alljährlichen Reeperbahnfestival. Unsere Unterkunft hatten wir ja bereits im Jahr zuvor gebucht, weil es uns so gut in der Superbude gefallen hatte.

Erneut verzichtete ich auf das Early Bird Ticket und entschied mich erst mit der Veröffentlichung des Zeitplans dafür, zumindest für Samstag ein Tagesticket zu erwerben. Somit hatte ich wieder ein paar Tage, um mit meinem Sohn Hamburg zu entdecken. Wobei mir das nur am Donnerstag wirklich erfolgreich gelang: Von der Supperbude spazierten wir über die Reeperbahn zu den Landungsbrücken, um mit dem Linienschiff 62 nach Övelgönne zu schippern. Der Stadtstrand war auch für mich eine Neuentdeckung. Bei bestem Wetter, von dem man Ende September oft nur träumen kann, ließen wir uns durch den Tag treiben. Wellen lauschen, Schiffe gucken, im Sand stampfen. Was kann es schöneres geben, um für ein paar Momente abzuschalten, die Zeit - und das laute, bunte Treiben auf der Reeperbahn - zu vergessen. Zurück liefen wir am Fischmarkt vorbei bis zum Kumpir Wirt unseres Vertrauens (Schanzenstraße 95), wo wir gemeinsam mit meinem Mann unser Abendessen einnahmen ehe es für ihn zum nächsten Konzert ging.

So ganz ohne Musik kam ich bis Samstag aber auch nicht aus: Bereits am Mittwoch erlebte ich zwei kleine Highlights am N-Joy Reeperbus: We bless this mess aus Portugal weckte Erinnerungen an Bright Eyes, angenehme Stimme zur Akustikgitarre und eigentlich ließen nur seine Tattoos etwas von seiner Vergangenheit als Punk erahnen. Paul beobachte anschließend gespannt den Aufbau von Yes we mystic, neugierig musterte er die vielen Instrumente. Als ein Bandmitglied, das die ganze Zeit schon mit ihm spaßte, mit einem Tambourine auf ihn zukam, hatte er dann aber wohl seine Müdigkeitsschwelle erreicht und war nicht mehr für das gemeinsame Musizieren zu motivieren. Schade. Trotzdem eine sehr sympathische Geste und zusammen mit der großartigen Musik, die einen Vergleich mit Mumford & Sons nicht scheuen muss, bleibt mir die Band in bester Erinnerung.

Freitag gab Vivie Ann in der Kaffeerösterei Kopiba (Beim Grünen Jäger 24) ein kostenloses Akustikkonzert. Während es am Mittwoch am N-Joy Reeperbus doch sehr laut durch die Boxen dröhnte, genossen meine Ohren hier Musik in ihrer reinsten Form. Ein ganz wunderbarer Klang, perfektes Zusammenspiel von "Instrumenten", zu denen auch eine alte Schreibmaschine zählte, und Stimme. Noch dazu hervorragender Kaffee und Kuchen. Zurück in der Superbude bekam ich noch den Schluss von dePresno mit. Das klang gut und machte mich neugierig - so blieb ich noch und wartete auf Malky, der ebenfalls im Rahmen der Lemonaid Session in der Rockstarsuite auftrat. Seine Musik gefiel mir, schön akustisch. Zum Abendessen trafen wir uns dann noch mal mit den Männern bei der Pizza Bande (Lincolnstraße 10). Sehr leckere Pizza mit außergewöhnlichen Belegen (z. B. Funny Sunny mit Kichererbsencreme, Tomaten, Zucchini, Kürbiskernen und Petersilie-Basilikum-Pesto). Den Sonnenuntergang ließen wir dann noch am Hafen auf uns wirken. Hach.

Samstag war dann mein Tag! Das passte ganz gut, dass für meinen Mann an diesem Tag nicht so viele Highlights dabei waren - für mich umso mehr. Es fing mit Ben Caplan am N-Joy Reeperbus an. Vor 3 Jahren hatte er schon bei Folk im Park bleibenden Eindruck bei uns hinterlassen - diese Stimme vergisst man einfach nicht. Diesmal hatte er sogar seine Band dabei, wodurch es doch noch mal ein neues Klangerlebnis war. Weiter ging es in den Molotow Backyard. Dort trat Lilly amoung clouds auf, von der mir die Männer die ganzen Tage schon vorgeschwärmt hatten - mein Mann sah sie glaube bei 3 von 4 möglichen Auftritten?! Nun ja, sie hat eine tolle Stimme, keine Frage, und unbestritten eine süße Ausstrahlung. Mich hat ihre Musik selbst aber nicht so vom Hocker gerissen. Trotzdem würde ich sie mir in einem kleinen, akustischen Rahmen gern wieder anhören.

Der Molotow Backyard füllte sich, die Schlange draußen wurde immer länger, ohne dass etwas von Einlassstopp kommuniziert wurde. Uns konnte es an sich egal sein, da wir die Wartezeit im Molotow überbrückten. Trotzdem ärgerte es mich bei den kommenden Auftritten von Fil Bo Riva und Rhonda, dass ich mehr von den Gesprächen des Publikums mitbekam als von der Musik. Die ganze Zeit dieses Bienenschwarm ähnliche Getuschel, während draußen womöglich Liebhaber warten, die wirklich an der Musik interessiert sind. Trotzdem war es nett und allemal besser im Hinterhof den sonnigen Samstag Nachmittag zu verbringen statt in verrauchten Clubs.

An der frischen Luft ließen wir uns auch das Abendessen gegenüber im Schweinske schmecken. Ohne Zeitdruck im Nacken, denn mit AVEC in der Großen Freiheit stand der nächste Künstler erst um 19:20 Uhr auf dem Programm. Nach zwei Liedern meinte Dirk, dass sie ihn noch nicht so beeindruckt, dass er ein Album mitnehmen würde. Et voilà: Die nächsten Lieder überzeugten uns dann doch alle, wenn sie bei mir auch nicht so einen bleibenden Eindruck hinterließ. Danach stürzte ich mich in das Getümmel auf der Reeperbahn, um die Prinzenbar rechtzeitig zum Auftritt von Lina Maly zu erreichen. Leider war die Schlange sehr lang und als nur noch 10 Leute vor mir waren, kam die offizielle Meldung: Einlassstopp. Statt zu warten, machte ich mich lieber auf dem Weg zum nächsten Konzert im Bunker an der Feldstraße...

Wallis Bird war nämlich der Hauptgrund, weshalb ich mich für ein Tagesticket entschieden hatte. Schon immer wollte ich sie mal live sehen, aber bisher hatte sich nicht die Gelegenheit ergeben. Wie sehr hätte ich mich geärgert, wenn ich vielleicht noch fünf Minuten von Lina Maly mitbekommen, dafür dann aber beim Übel und Gefährlich vor verschlossener Tür gestanden hätte. So war ich überpünktlich und konnte Wallis noch beim Aufbau zu schauen. Sie macht der handgemachten Musik wirklich alle Ehre - zusammen mit ihrer Band kümmerte sie sich um alles selbst. Live spielte sie dann Musik aus ihrem neuen Album und erwähnte mehrmals, wie verliebt und glücklich sie gerade sei, und dass sich das auch auf dem Album wiederspiegeln würde, dass eher ruhig ausgefallen sei. Sie kam so authentisch rüber und zeigte wirklich wie viel Spaß sie hat, auf der Bühne zu stehen. Auch ihre Bandmitglieder versprühten diese Leidenschaft, wie eine große Familie. Besonders beeindruckend war es als sie ganz allein ohne Instrument auf der Bühne stand und das Lied "Home" darbot. Ein letztes "Pssst" drang durch das Publikum und schon war es still, jeder hörte ganz gebannt zu, was sie da von sich preisgab. Gänsehautmoment pur.

Bis zum nächsten Auftritt hatte ich wieder etwas Zeit, und trank mit meinem Mann noch einen leckeren Kaffee in der Kopiba - hochwertig gerösteten Kaffee um zehn Uhr abends trinken, das habe ich bisher nur an eben diesem Abend in Hamburg erlebt. Weiter ging es ins Knust zu Wintersleep. Ich kannte sie vom Namen her, aber nicht gut genug, um darauf eingestellt zu sein, dass ihre Musik doch eher dem Rock zugehörig ist. Es dröhnte durch die Boxen, ich verstand kaum ein Wort. Aber ich sah die Fans, die die Lieder an den ersten Tönen erkannten, insbrünstig mitsangen, vom Glück beseelt, ihre Lieblingsband aus Kanada endlich wieder live zu sehen. Und mit einem Mal konnte auch ich mich auf die Musik einlassen und sah es als willkommene Abwechslung.

Den direkten Bus zur Michaeliskirche verpasste ich leider knapp, holte mir dafür noch einen Döner - The Best one (Feldstraße 67) nennt er sich zurecht, denn nie zuvor habe ich es erlebt, dass Gemüse und Fleisch vorab gemischt werden, sodass man im Brot bei jedem Bissen von allem was hat und nicht am Ende nur noch Fleisch übrig ist. Mit dem Bus ging es dann zum Rödlingsmarkt und durch das nachts verlassene Geschäftsviertel zum Michel. Dort spielten The Villagers. Vielleicht wäre es egal gewesen, wer dort spielt. Diese Kulisse muss man einfach mal gesehen haben. Die zarte Stimme kam bei dieser Akustik wunderbar zur Geltung. Wieder ein wahrer Ohrenschmaus.

Anschließend machte ich den Fehler und nahm den Bus bis St. Pauli, weil ich nicht noch 10 Minuten auf den nächsten Bus warten wollte, der mich näher zur Großen Freiheit gebracht hätte. Nie wieder! Nachts um nachts halb eins die ganze Reeperbahn bis zur Großen Freiheit vorlaufen macht keinen Spaß! Nur Gegenverkehr und Gedrängel. Dabei wollte ich doch nur schnell zu Friska Viljor. Der Reeperbahnlegende! Zum 8. Mal sind sie wohl schon beim Festival - das merkte man auch am Publikum: Staunend sah ich die Menge jubeln, klatschen, mitsingen und wurde auch recht schnell angesteckt. Ein gelungener Abschluss des Festivals und nochmal ein Kontrast zum Konzert im Michel zuvor. Somit konnte ich auf einen wirklich abwechslungsreichen Abend zurückblicken: Ausdrucksstark, Rockig, Eindrucksvoll, Witzig - kurz: absolut lohnenswert.

Bei Friska Viljor traf ich dann auch wieder meine Begleiter, die zuvor kräftig bei Schmutzki mitgegröhlt hatten. Gemeinsam liefen wir durch St. Paulis Straßen zurück in die Superbude. Dort wurde mein Sohn am nächsten Morgen beim Frühstück in Ben Caplans Band aufgenommen. Hach, ich liebe diese Unterkunft, in der wir dieses Mal wohl eine der wenigen "normalen" Gäste waren. Nur den Cheesecake habe ich dieses Jahr vermisst, und tja, entspannt frühstücken lässt es dich mit 1 1/2 Jähriger Rennmaus auch nicht mehr. So lernt man am besten aus Erfahrungen. Wir legen nun erst einmal eine Pause ein und suchen ein Festival, das etwas besser mit der Familie vereinbar ist.